Die Bleischeibe von Maggliano

Bei diesem Artefakt (auch „Tabula Hebana“ genannt) handelt es sich wie beim „Diskos von Phaistos“ und der „Scheibe von Nebra“ um einen nur annähernd runden Gegenstand, der genau wie im Falle des „Diskos“ beidseitig in spiraliger Anordnung beschriftet wurde. Auch hier lässt sich feststellen, dass der grafische Charakter des Erscheinungsbildes auf beiden Seiten differiert. Im Falle der Scheibe wirkt die so genannte B-Seite irgendwie andersartig und unvollständig.
 
Das Artefakt wird der etruskischen Kultur zugeordnet, deren Schrift aufgrund der Benutzung des griechischen Alphabetes zwar theoretisch lesbar ist, sich jedoch in den meisten Fällen einer Übersetzung entzieht. Ursache hierfür ist die rätselhafte etruskische Sprache, aus deren Wortschatz sich allenfalls diverse Vornamen, einige Titel, sowie ein paar Dutzend Vokabeln entschlüsseln ließen. Selbst im Falle der Zahlworte herrscht seit Beginn der Erforschung große Unsicherheit, und auch der Lautwert einzelner Zeichen könnte angezweifelt werden.
 
In Hinsicht auf eine geometrisch-mathematische Deutung der Bleischeibe fallen in der Anordnung der Schriftzeichen Besonderheiten auf, die im Folgenden behandelt werden.
 
Auf der A-Seite befinden sich sechzehn der Buchstaben mit dem theoretischen Lautwert „th“. Diese sind jeweils mit einem Punkt im Zeicheninneren markiert und schon dadurch auffällig. Auch die Anzahl „16“ dürfte in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spielen.
 
Es liegt der Verdacht nahe, in einer aufkeimenden archaischen Wissenschaft könnte man sich des Wertes „16 von 100“ bedient haben, um praktische Lösungen mathematischer Probleme des Alltags und sicher auch philosophischer Natur zu finden. Dieser Wert verkörpert doch recht nahe sowohl den Goldenen Schnitt, als auch die Hälfte von „Pi“.
 
Als Potenz von 2 (2 hoch 4) ist die Zahl 16 genau wie ihre Verwandten „ 2 – 4 – 8 - …- 32 – 64 usw.“ auch als Divisor optimal geeignet, schließlich lässt sich jede auch noch so ausgefallene ganze Zahl, die Primzahlen natürlich inbegriffen, durch z. B. 16 oder 32 (alternativ auch 1,6 oder 3,2 usw.) teilen, ohne ein irrationales oder unendliches Ergebnis hinter dem Komma abzuliefern.
 

Durch Verbinden einzelner Punkte ist es möglich, in der Darstellung ein unregelmäßiges Fünfeck mit einer Symmetrieachse sowie weitere geometrische Auffälligkeiten zu erkennen. Vier Innendiagonalen des Fünfecks sind etwa gleichlang, was ebenfalls beabsichtigt scheint.
 
Besonders bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass die Symmetrieachse der entstandenen Figur deutlich der Mittelsenkrechten der annähernd herzförmigen Scheibe folgt.
 
Die eingezeichnete Senkrechte halbiert die obere Waagerechte, verfehlt den Idealpunkt auf der Mittelwaagerechten allerdings um zirka 2 Millimeter (gemessen an dem für meine Grafiken vorliegenden Maximaldurchmesser des Objektes von 14 cm, der mutmaßlich nicht dem Originaldurchmesser entspricht), handelt es sich um eine Abweichung von etwa 0,7 %.
Zwischen diesen differenten Werten ließe sich zeichnerisch sicherlich noch etwas vermitteln, jedoch fand ich den Aspekt des äußerst pedantisch ausgeführten (in schroffem Gegensatz zur übrigen Ausgestaltung), symmetrischen Buchstabens „M“ im Randbereich der Scheibe, auf den die Achse nach oben zuläuft, sehr interessant. Das Wort „Mitte“, lateinisch „medius“, und vielleicht auch im Etruskischen ähnlich lautend (obwohl es sich beim Lautwert des Zeichens angeblich um eine Form von „s“ handelt), beginnt schließlich mit. diesem Schriftzeichen.
Weiterhin auffällig sind die beiden einzig vorkommenden, in Form einer eckigen Acht ausgeführten Symbole mit dem hypothetischen Lautwert „f“, da, abgesehen vom ihrer Größe, auch eine Gerade, zwischen ihren Mittelpunkten gezogen und verlängert, auf die Bedeutsamkeit verweist. Diese führt nämlich unter anderem genau durch den Mittelpunkt eines Buchstabens in Form eines „X“ mit dem vermutlichen Lautwert „s“, welcher sich nun wiederum genau in der Mitte zweier ihn begleitender Artgenossen befindet, so dass man an dieser Stelle von einer Triplette sprechen könnte, der dreimaligen Wiederholung eines Zeichens in einer Alphabetschrift, sicherlich ein sehr seltener Ausnahmefall. Etwa ähnlich positioniert, nur auf der anderen Seite der Spiegelachse, befindet sich eine Aneinanderreihung von Schriftzeichen, die sowohl von vorne als auch von hinten gleichlautend gelesen werden könnten, in Fachkreisen „Palyndrom“ genannt. Drei der 16 dominanten Buchstaben bilden dabei die Mitte und die begrenzenden Elemente.
 
Ein merkwürdiger Zufall sieht nun vor, dass eine Gerade zwischen dem Mittelpunkt des erwähnten mittleren Buchstabens „X“ sowie dem Mittelpunkt des mittleren Buchstabens im Palyndrom ausgerechnet den vom „Graveur“ markierten Mittelpunkt desjenigen Zeichens schneidet, welches das untere Ende der angesprochenen Spiegelachse des Fünfecks bildet.
 
In Kombination mit der Tatsache, dass der Mittelpunkt des mittleren „X“, die Mitte des Buchstaben „M“ sowie die Mitte des mittleren Buchstaben innerhalb des Palyndroms ein weiteres gleichschenkliges Dreieck (Abweichung 2 mm in meinem Maßstab) bilden, schon erstaunlich genug, hinzu kommt, dass die untere Waagerechte dieses Dreiecks vom unteren Punkt der Spiegelachse im Goldenen Schnitt markiert wird.! Natürlich lässt sich auch hier noch vieles mehr beschreiben, doch das Gesagte möge einstweilen zum Anstoß genügen.

Abb. 1


Eine kleine erwähnenswerte Parallele zum „Diskos von Phaistos“: Auf der A-Seite befindet sich im Außenkreis neben einem undefinierbaren Schriftzeichen ebenfalls ein einziges Mal das Symbol „Axt“, welches keinem gewöhnlichen etruskischen Buchstaben entspricht.